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Der Clown und die Gitarre: Kapitel 3

3 Ich lass die Korken knallen. Das Bier sprudelt heraus, schießt mir ins Gesicht. Hat der Tankwart es geschüttelt? Gesell dich zu deinen fünf Freunden, ich mach ein paar Züge, mir läufst du nicht davon! Alles pitsch nass. Bald klebts auch noch. Soll das mal jemand anders wegmachen. Nicht mehr lange und meine Bude ist ein selbst funktionales Ökosystem. Wie ein Biotop. Mit Tieren und so. Ich zappe durch die Kanäle. Nur Scheiße. Selbst wenns nicht mitten in der Nacht wäre, würde vermutlich nur Scheiße laufen. Ich wähle den kleinsten Kotbatzen und mach mir noch ein Bier auf. Zum Glück bin ich schon betrunken und habe morgen ohnehin vergessen, was ich mir hier reinzieh. Bier. Ich liebe dich. Schnaps. Dich auch. Da passiert etwas. Da, beim Fenster. An der rechten, oberen Ecke erscheint ein Kopf. Verkehrt herum. Ich blicke von meinem Fernseher zu dem Mann, dessen Kopf langsam mein Fenster runterfährt, bis man die Schultern sieht. Regungslos starrt er mich an. Er bewegt seine Hand zu seinem Mund und kaut, während er mich weiterhin anstarrt und anfängt zu schmatzen. Ich glaube, er isst Chips. Er macht das öfter. Ich weiß nicht, warum. „Gscht gscht!“ sage ich, stehe auf und klopfe an mein Fenster, „geh weg jetzt!“ Aug in Aug schauen wir uns durch die Glasscheibe an. Er zieht sich noch einen Chip rein und sein Kopf verschwindet wieder in der Wohnung über mir. Ich glaube er hat sich extra eine Apparatur gebaut, die ihn festhält, während er seinen Kopf in andere Wohnungen steckt. Ich habe den Überblick verloren. Vor mir stehen 7 leere Flaschen. Im Kühlschrank sind noch zwei, zwei habe ich nach dem Aufstehen draußen getrunken. Manche waren 0.33, manche 0.5. Wie betrunken bin ich? Ich gehe auf der Linie der Ränder der Kacheln und knalle gegen die Türe. Laufen kann ich noch. Nur Türen scheinen in meinem Zustand unüberwindbare Hindernisse. Auf nach draußen! Wo begegnen einem da schon Türen? Alles verschwimmt und dreht sich. Ich hole mir einen Cappuccino, um klarer zu werden und spaziere durch die Nacht. Dort drüben stehen Menschen. Ganz viele von ihnen. Ich leere meinen Cappuccino, werfe ihn in einen Abfalleimer – man will ja nicht asozial sein – zahle drei Euro und setze mich an die Bar. „Das beste Wasser, das Sie haben!“ sage ich. Die Kellnerin lächelt mich verschmitzt an, stellt mir eine regionale Marke hin. „Nobel nobel, du trinkst wohl nicht gerne?“ fragt sie. „Ach ach, alles in Maßen, sag ich immer, alles in Maßen“, ich lächle zurück. „HIIIIII, woladorufuso?“ sagt ein Typ, rückt sich den Barhocker neben mir zurecht, setzt sich. Für heute bist du mein bester Freund. Ich nicke, begrüße den Unbekannten genauso freudig, wie er mich, reihe einige Worte aneinander, die in dieser Anordnung keinen Sinn ergeben. Er nickt vehement. „Ja ja“, sagt er, „wasilistanaaa…“, er grinst. Ich lache. Lalle etwas zurück. Die Stimmung ist gut. Wir sehen wohl so aus wie zwei alte Bekannte. Neben uns eine Gruppe Mädchen. Wortfetzen im Beat der Musik. Es fallen fremde Klänge. Aha, die sprechen Englisch. Sie schaut mich an, ich schau zurück. Sie hat Talent. „Hi!“ sage ich, gebe den dreien nacheinander die Hand. Sie beäugen mich, jetzt nicht zögern. „Do you wanna fuck?“ frag ich die Hübsche laut genug, dass es bestimmt auch die Kellnerin gehört hat. „WHAT?“ brüllt sie fassungslos. „Oh, what?“, sage ich, „Oh, sorry, my English is not so good.” Eine hat nicht zugehört, eine schaut mich seltsam an, aber sie lacht. Ja, sie lacht, das ist genug. „Kannst auch deutsch mit mir reden“, sagt sie. „Sebastian“, sage ich. „Miriam“, sagt sie. „Ihr kennt euch nicht sonderlich gut?“ frage ich. „Ja, ist das so offensichtlich?“ sie grinst mich an. „Habt alle unterschiedlich reagiert…“ Sie ist Tutorin, die anderen Erasmusstudenten. Ich trink ein Bier, sie trinkt ein Bier. Wir tanzen. Ihr Zimmer ist klein. Überall Zettel mit Notizen drauf. Sie kleben auf Büchern und an der Wand. Ich klebe einen auf ihre Stirn. Danke steht drauf. Für einen Moment glaube ich, ihre Augen schauen mich durch die Dunkelheit an. Sie dreht sich auf die Seite. Ihr Atem geht wieder in leises, fast zierliches Schnarchen über. Ich finde meine Sachen und schließe sachte die Türe hinter mir.

19.11.13 19:14, kommentieren

Der Clown und die Gitarre: Kapitel 2

Die Böschung unter der Brücke ist gefährlich. Geht mindestens 15 Meter runter auf matschiger Erde. Normalerweise gehe ich immer außen rum, aber was solls, ich bin betrunken genug. Ich surfe auf dem braunen Dreck den Steilhang hinunter, werde immer schneller, versuche zu bremsen, falle um, mein Arm brennt. Zum Glück wird mein Sturz von mehreren Kartons, die seltsam aneinandergebaut sind, abgefangen. Ich packe mir einen davon, wische das Blut von meinem Arm. Lege ihn wieder zurück, vielleicht gehört das Zeug ja jemandem. Er stöhnt. Unter dem Berg aus Pappe stöhnt ein Mann sein Altmänner-Stöhnen mit einer Prise Weltschmerz. Ich geh jetzt besser, denke ich und mache mich auf den Weg. „Hey!“ sagt der Mann „Hey!“ sage ich, gehe weiter. „Moment mal, so nicht, das war mein Haus du Sau!“ „Die Immobilienkrise erwischt jeden!“ „Mein Haus war teuer!“ „Ich habe kein Geld.“ „Na, so schaust du mir aus!“ „Nein, ehrlich. Ich studiere noch…“ „Dann wirst du aber mal viel Geld haben!“ „Willst du etwas von meinem Zukunfstgeld?“ ich hole unsichtbare Scheine aus meinen Hosentaschen und halte sie ihm hin. „Warte mal!“ sagt er. Ich warte, weil mir klar wird, dass das wohl das Highlight meines Tages sein wird. Er kramt und kramt und kramt. Fein säuberlich zieht er einen Taschenrechner aus seinem Jutesack hervor und fängt an zu rechnen. „Was machst du da?“ frage ich. „Hap ap ap ap ap !“ sagt er, schüttelt seinen ausgestreckten Zeigefinger in meine Richtung und beginnt auf dem Rechner zu tippen. Er brummelt irgendwas in seinen Bart. Ich verstehe nur Fetzen und Zahlen. Nach einiger Zeit sagt er: „Alles in allem macht das dann 450,09 Euro. WENN ich auf Schmerzensgeld verzichte, das halte ich mir aber noch offen!“ Irritiert schaue ich ihn an, weiß noch nicht, ob ich wegrennen oder lachen soll, oder beides. „ich geb dirn Bier!“ sage ich. „Oder das, genau das“, er reibt sich die Hände, „hast dus dabei, ja? Ist es hier drin, hier in deinem Rucksack, gleich hier?“ Ich gebe es ihm und er lässt mich gehen. Meine Lunge streikt im warmen Sommerregen. Aber der Weg ist nicht mehr weit, ich kann den Fluss schon spüren. Mich irritiert das ständige Knacken in den Büschen hinter mir. Ob mir der Obdachlose wohl gefolgt ist? Aber wozu? Gänzlich durchnässt setze ich mich ans Ufer auf eine Bank unter einen Baum und versuche erfolglos mir im Platzregen eine Zigarette anzuzünden. Schließlich gelingt es mir doch, unter meinem T-Shirt, gerade noch rechtzeitig, bevor peitschender Wind einsetzt. Ich liebe den Sturm. Hinter mir das Grollen und vor mir die Blitze, die weit entfernt funkensprühend in den Boden fahren. Das wars dann auch schon. Die Wolkendecke bricht auf und das Gewitter zieht woanders hin. Eine kleine Entenfamilie traut sich raus. Sie schwimmen auf mich zu. Quak quak quak machen sie, quak quak quak mache ich. Sie kommen näher und wollen Futter. „Ich hab nichts!“ sage ich und schmeiße ein kleines Kieselsteinchen neben sie ins Wasser. Die Mutter taucht, ich hinterher. Warum? Was soll ich sagen. Enten sind köstlich und ich sowieso schon pitsch nass und der Kühlschrank leer. Am Hals kriege ich sie zu fassen, die Küken stoben panisch auseinander. Flügel und Geschnatter schlagen mir um die Ohren. Es ist zu kalt. Meine Lippen bibbern. Das Wasser reicht bis zur Hüfte, die Kälte bis zu meinem Hals. Ich lasse los und steige aus dem Wasser.

18.11.13 16:46, kommentieren