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Der Clown und die Gitarre: Kapitel 2

Die Böschung unter der Brücke ist gefährlich. Geht mindestens 15 Meter runter auf matschiger Erde. Normalerweise gehe ich immer außen rum, aber was solls, ich bin betrunken genug. Ich surfe auf dem braunen Dreck den Steilhang hinunter, werde immer schneller, versuche zu bremsen, falle um, mein Arm brennt. Zum Glück wird mein Sturz von mehreren Kartons, die seltsam aneinandergebaut sind, abgefangen. Ich packe mir einen davon, wische das Blut von meinem Arm. Lege ihn wieder zurück, vielleicht gehört das Zeug ja jemandem. Er stöhnt. Unter dem Berg aus Pappe stöhnt ein Mann sein Altmänner-Stöhnen mit einer Prise Weltschmerz. Ich geh jetzt besser, denke ich und mache mich auf den Weg. „Hey!“ sagt der Mann „Hey!“ sage ich, gehe weiter. „Moment mal, so nicht, das war mein Haus du Sau!“ „Die Immobilienkrise erwischt jeden!“ „Mein Haus war teuer!“ „Ich habe kein Geld.“ „Na, so schaust du mir aus!“ „Nein, ehrlich. Ich studiere noch…“ „Dann wirst du aber mal viel Geld haben!“ „Willst du etwas von meinem Zukunfstgeld?“ ich hole unsichtbare Scheine aus meinen Hosentaschen und halte sie ihm hin. „Warte mal!“ sagt er. Ich warte, weil mir klar wird, dass das wohl das Highlight meines Tages sein wird. Er kramt und kramt und kramt. Fein säuberlich zieht er einen Taschenrechner aus seinem Jutesack hervor und fängt an zu rechnen. „Was machst du da?“ frage ich. „Hap ap ap ap ap !“ sagt er, schüttelt seinen ausgestreckten Zeigefinger in meine Richtung und beginnt auf dem Rechner zu tippen. Er brummelt irgendwas in seinen Bart. Ich verstehe nur Fetzen und Zahlen. Nach einiger Zeit sagt er: „Alles in allem macht das dann 450,09 Euro. WENN ich auf Schmerzensgeld verzichte, das halte ich mir aber noch offen!“ Irritiert schaue ich ihn an, weiß noch nicht, ob ich wegrennen oder lachen soll, oder beides. „ich geb dirn Bier!“ sage ich. „Oder das, genau das“, er reibt sich die Hände, „hast dus dabei, ja? Ist es hier drin, hier in deinem Rucksack, gleich hier?“ Ich gebe es ihm und er lässt mich gehen. Meine Lunge streikt im warmen Sommerregen. Aber der Weg ist nicht mehr weit, ich kann den Fluss schon spüren. Mich irritiert das ständige Knacken in den Büschen hinter mir. Ob mir der Obdachlose wohl gefolgt ist? Aber wozu? Gänzlich durchnässt setze ich mich ans Ufer auf eine Bank unter einen Baum und versuche erfolglos mir im Platzregen eine Zigarette anzuzünden. Schließlich gelingt es mir doch, unter meinem T-Shirt, gerade noch rechtzeitig, bevor peitschender Wind einsetzt. Ich liebe den Sturm. Hinter mir das Grollen und vor mir die Blitze, die weit entfernt funkensprühend in den Boden fahren. Das wars dann auch schon. Die Wolkendecke bricht auf und das Gewitter zieht woanders hin. Eine kleine Entenfamilie traut sich raus. Sie schwimmen auf mich zu. Quak quak quak machen sie, quak quak quak mache ich. Sie kommen näher und wollen Futter. „Ich hab nichts!“ sage ich und schmeiße ein kleines Kieselsteinchen neben sie ins Wasser. Die Mutter taucht, ich hinterher. Warum? Was soll ich sagen. Enten sind köstlich und ich sowieso schon pitsch nass und der Kühlschrank leer. Am Hals kriege ich sie zu fassen, die Küken stoben panisch auseinander. Flügel und Geschnatter schlagen mir um die Ohren. Es ist zu kalt. Meine Lippen bibbern. Das Wasser reicht bis zur Hüfte, die Kälte bis zu meinem Hals. Ich lasse los und steige aus dem Wasser.

18.11.13 16:46

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